28.11.05

Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft


















Plakat 1985

(Institut Wiesner/M. Bröhl)

7.11.05

Sonderzeichen

(Institut Wiesner/A. Müller)

2.11.05

A. Schnittlauch: Nachdenkliches

Guten Tag,

anbei meine erste „Kolumne“ für Ihren Blog.
Es handelt sich um meine Kurzgeschichte „Nicht des Lebens wegen“. Ich schrieb sie 1995 unter dem Pseudonym Albin Kärcher.


„Nicht des Lebens wegen“, murmelte er noch einmal. Dann machte er sich auf den Weg und trottete in langsamem Schritt die Straße der alten Stadt entlang. Nacht war es und der Regen hatte sich gerade zur Ruhe gesetzt.
Mit blankem Fuß durchstreifte er die Pfützen, doch spürte er das kalte Nass nicht. Er begutachtete die wenigen Lichter der nächtlichen Stadt. Er blieb stehen und begutachtete jedes einzelne genau. In unmittelbarer Nähe die Lichter einer Wohnung, in der Ferne die angestrahlte Kirche. „Wahrlich nicht des Lebens wegen.“
Der Entschluss stand fest.
Er setzte sich wieder in Gang – inzwischen durchdrangen ihn Kälte und Nässe doch gar bitterlich – und dachte an die Kindertage. Nur eine Erinnerung war ihm aus der Zeit, aus dieser friedvollen Zeit, aus dieser glücklichen Zeit geblieben. Er hatte das Bild genau vor Augen. Das Dorffest. Alle saßen sie glücklich beieinander; alle lachten, alle redeten. Doch dann kam die Krankheit ins Land und übernahm die Macht. Niemand war ihm geblieben, kaum einer hatte überlebt. Die Stadt, sie hatte nur noch wenige Einwohner – und die Krankheit war noch nicht verzogen. Sie würde wieder und wieder kommen – bis sie alle erwischt hat. Es war kein Virus, es waren keine Bakterien. Es war nirgendwo und doch überall. Nicht mess-, nicht fühl-, nicht identifizierbar. Schlicht allgegenwärtig – und wenn die rechte Zeit gekommen war, schlug es zu. Keine Gnade, keine Reue, keine Buße.
Inzwischen war er am Turm angekommen. So betrat er langsam das Gemäuer und ging die vielen Treppenstufen aufwärts. In Gedanken wieder in der Realität. Wann hatten die Ereignisse begonnen? Was ist geschehen? Wer hat die Erklärung?
Niemand hat die Erklärung, niemand kann antworten geben.
Trepp auf, Trepp auf. Oben war er, auf dem Turm und kletterte langsam aus dem Fenster und auf das Balkongitter. Sah sich ein letztes mal um und ließ los.
Da war es ihm klar: Es gab keine Krankheit, es gab keine Seuche. Es hatte nie etwas derartiges gegeben. Er selbst war die Krankheit, er selbst war die Seuche. Sie hatte ihn erwischt; sie hatte ihn auf dem Gewissen ohne zu existieren.

(Institut Wiesner/A. Schnittlauch)